Definition
In der Populationsgenetik die Aussage, dass für ein einzelnes autosomales Lokus in einer großen diploiden Population mit zufälliger Paarung und ohne Mutation, Migration, Selektion oder genetische Drift die Allelfrequenzen zwischen Generationen konstant bleiben und bei zwei Allelen A und a die erwarteten Genotypfrequenzen p^2, 2pq und q^2 sind (p und q = Allelfrequenzen).
Prinzip
Prinzip
Unter den aufgeführten idealisierten Annahmen sind Allelfrequenzen generationsübergreifend invariant; Abweichungen von den erwarteten Genotypproportionen deuten auf das Wirken evolutionärer Prozesse hin.
Demonstration
Demonstration
Illustratives Szenario → Situation: Eine große, panmiktische Population eines diploiden Säugetiers hat Allel A mit p = 0,7 und a mit q = 0,3 an einem neutralen autosomalen Lokus. → Erkennung: Zufällige Paarung und Fehlen weiterer evolutionärer Kräfte werden angenommen. → Handlung: Der Gametenpool hat die Frequenzen p und q; zufällige Vereinigung der Gameten erzeugt Genotypen. → Konsequenz: Erwartete Genotypfrequenzen p^2 = 0,49 (AA), 2pq = 0,42 (Aa), q^2 = 0,09 (aa); Allelfrequenzen bleiben 0,7 und 0,3.
Fehlanwendung
Fehlanwendung
Die Schlussfolgerung, dass beobachtete Hardy–Weinberg-Proportionen die Abwesenheit von Evolution beweisen, oder dass jede Stichprobe, die p^2:2pq:q^2 entspricht, bedeutet, dass keine Kräfte wirken; dies missachtet Stichprobenfehler, begrenzte statistische Aussagekraft und dass Populationsstruktur oder gekoppelte Selektion Prozesse verbergen können.
Konsequenz
Konsequenz
Bietet ein Nullmodell zur Erkennung von Mutation, Selektion, Migration, nichtzufälliger Paarung oder Drift; erlaubt die Schätzung von Träger- oder Genotypfrequenzen aus Allelfrequenzen und bildet die Grundlage standardmäßiger Tests in Populationsgenetik und genetischer Epidemiologie.
Umkehrung
Umkehrung
Die Invarianzbeziehung bricht zusammen, wenn Annahmen verletzt sind — z. B. bei kleinen Populationen (genetische Drift), nichtzufälliger Paarung, laufender Mutation oder Migration, unterschiedlicher Überlebens- oder Reproduktionsrate (Selektion), überlappenden Generationen oder Loci in Kopplungsungleichgewicht.
Abgrenzung
Abgrenzung
Gilt für ein einzelnes autosomales Lokus in großen, sexuell reproduzierenden diploiden Populationen unter den genannten Annahmen. Gilt nicht unmittelbar für haploide Organismen, geschlechtsgebundene Loci, polyploide Genome ohne Anpassung oder räumlich strukturierte Populationen, sofern diese nicht speziell modelliert werden.
Semantische Spannung
Semantische Spannung
Einfachheit als Nullannahme ↔ Biologischer Realismus: Das Modell ist bewusst idealisiert, um Abweichungen durch echte evolutionäre Prozesse aufzudecken.
Synthese
Synthese
Hardy–Weinberg ist kein biologisches Gesetz, sondern eine grundlegende mathematische Erwartung: Die Konstanz von Allelfrequenzen unter definierten Annahmen. Praktisch dient es dazu zu identifizieren, welche evolutiven Kräfte oder demografischen Strukturen vorhanden sind, wenn Daten davon abweichen.